Warum Paris kein europäisches 9/11 werden darf

Heute Morgen in den Nachrichten die Meldung, dass die Zahl der Todesopfer der Anschläge von Paris auf 132 gestiegen ist.

Was am vergangenen Freitag in Paris geschehen ist, ist schrecklich. Und natürlich macht es uns betroffen, macht es uns traurig, macht es uns zornig, und – ja- auch Angst.
Es ist nötig, dass wir uns all diese Gefühle eingestehen, denn sie alle sind geeignet, unsere Reaktionen zu beeinflussen. Sie sind die sprichwörtlichen schlechten Berater.

Leider scheinen diese schlechten Berater derzeit in Europa Gehör zu finden. Wenn Frankreich den Notstand ausruft und damit für alle Bürger einen erheblichen Teil ihrer verfassungsmäßigen Rechte aussetzt – ist das eine angemessene Reaktion? Es klingt sehr nach der Sprache der schlechten Berater. Dahinter steckt neben dem berechtigten Wunsch, die Verantwortlichen so schnell wie möglich zu fassen und zu bestrafen, die Angst als Regierung handlungsunfähig zu erscheinen. Daher immer der Hang zu dramatischen Gesten. Die aber natürlich immer nur Gesten sind. Die brutale Wahrheit ist einfach: Wir können uns nur bedingt schützen vor den Wahnsinnstaten solcher Leute. Eine einigermaßen freie Gesellschaft muss Verbrechen als Lebensrisiko anerkennen. Die Alternative ist die Aufgabe der Freiheit. Eine Scheinalternative: Frankreich hat die angeblich so dringend nötigen Sicherheits- und Überwachungsgesetze längst. Die Taten vom 13.11. kamen trotzdem „aus heiterem Himmel“. Das ist auch nicht wirklich verwunderlich – selbst in Haftanstalten werden Verbrechen begangen. Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit.

Wo wir Trauer, Zorn und Angst unsere Handlungen leiten lassen, sind wir unbesonnen, blind und hilflos. Und was noch wichtiger ist: Wir lassen uns auf das perfide Spiel der Mörder ein. Wir nehmen die Opferrolle an, handeln wie Opfer und geben dadurch den Mördern und ihren Taten erst Macht.
Vielleicht wäre es daher klug, die Taten von Paris als das zu bezeichnen, was sie eigentlich sind: feige, hinterhältige (politisch motivierte) Mordtaten. Jenes in den letzten Jahren so überstrapazierte Wort „Terror“ ist eigentlich wenig hilfreich, dient es doch – neben der strafrechtlichen Einordnung der Mordtaten, wo es vielleicht noch Sinn macht – vornehmlich der Verfestigung unserer Opferrolle.

Wenn jetzt aus der rechten Ecke (und die fängt leider offenbar schon in der Union an, mindestens aber bei ihrer bayrischen Schwester) Töne laut werden, die eine Linie zu zeichnen versuchen, die die Mordtaten von Paris mit den Geflüchteten verbindet, dann ist das zum einen schäbigste Demagogie und zum anderen genau der Part, den das Skript der Mörder für diese Demagogen geschrieben hat. Denn die Anschläge dieser Leute richten sich ebenso gegen die westliche Welt, wie an die Muslime, die hier leben: Die anti-islamische Reaktion der Rechten ist Teil der Strategie. Hier soll ganz offenbar ein Gegensatz konstruiert werden zwischen dem [christlichen] Abendland und den Muslimen. Es wäre daher um so wichtiger den rechten Hohlbirnen, den dumpfen Angst- und Wutbürgern und den Lautsprechern des rechten Parteienrands klar zu machen, in wessen Stück sie gerade auftreten. Wenn wir als freie Gesellschaft einen wahren Sieg über den Terror (und ja, hier wähle ich einmal diesen Begriff) feiern wollen, dann können wir dies am besten, indem wir die Inszenierung durchbrechen, die die Täter uns aufzwingen wollen und der wir in der sogenannten westlichen Welt seit den Anschlägen vom 11. September 2001 unbesonnen, blind und hilflos folgen.

Ob die Anschläge von Paris ein europäisches 9/11 werden, liegt an uns. Ich hoffe, wir finden den Mut und die Einsicht, es nicht so weit kommen zu lassen. Das wäre ein erster, wahrer Sieg eines freien, gleichen und geschwisterlichen Europa.

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