Warum ich nun kein Sozi mehr bin

Vergangene Woche habe ich mein Parteibuch abgegeben.

Ich habe mir den Schritt nicht leicht gemacht, aber ich bin einfach an einem Punkt angekommen, wo ich nicht mehr mag.
Ich habe politische Überzeugungen, bin damit aufgewachsen, mir selber politische Meinungen zu bilden – in meinem Elternhaus war politische Diskussion, offen und manchmal kontrovers, üblich (und so manches Essen hat entsprechend lange gedauert).

Ich wollte diese Überzeugungen einbringen und glaub(t)e, dass die SPD mir da noch am nächsten ist. Aber ich musste erkennen, dass ich mich an zu vielen Stellen verbiegen müsste, um in der Partei irgendwo etwas bewegen zu können.
Ich mag auch nicht mehr verteidigen, was ich selber für Mist halte. Immer wieder bin ich in den (auch immer noch gepflegten) Diskussionen mit Familie und Freunden an den Punkt gekommen, dass ich mich (und andere mich) gefragt haben, warum, wenn ich mich doch nur dauernd distanzieren muss, ich denn überhaupt noch in der Partei bin.

Dazu kommt der Umgangston, den die Parteiführung, und ganz besonders Sigmar, mit der Basis pflegt: Der ist schlicht zum kotzen. abgewöhnen. Ein typisches Beispiel sind Sigmars Äußerungen zu den Netzaktivisten in der Partei, die dann auch so engagierte und fähige Leute wie Yasmina Banaszczuk vertrieben haben.

Wäre nicht das Mitgliedervotum gewesen, wäre ich schon früher gegangen.

Dabei ging es nicht darum, unbedingt noch mitmachen zu wollen, oder der Parteiführung eins auszuwischen. Ich hatte doch tatsächlich die Hoffnung, dass es in der Partei genug Reformwillen gäbe, nicht der Machtoption und damit den schlechten alten Gewohnheiten anzuhängen. Opposition wäre die Gelegenheit gewesen, sich neu zu finden und sich die grundsätzliche Frage zu stellen, wie die Sozialdemokratie des 21. Jahrhunderts aussehen soll. Es wäre die Gelegenheit gewesen, Fehler zu korrigieren und die eigenen Ideale neu zu finden und zu bestimmen. Eine Mehrheit hat das anders gesehen. Dabei wäre diese Erneuerung dringend nötig. Die Partei, wie ich sie derzeit erlebe, besteht aus ein paar (langsam aussterbenden) Altsozialisten, deren Weltbild schon für das späte 20. Jahrhundert nicht mehr passte; einer übermächtigen Gruppe von Realpolitikern (ist das wirklich die Mehrheit?), die den Bezug zu jenen Idealen, die die Alten hochhalten völlig verloren hat und sich nur noch von den ‚Zwängen der Realpolitik‘ und dem eigenen Machtdenken treiben lassen; und einer teils unglaublich engagierten, aber zunehmend frustrierten Basis. Der Ausgang des Mitgliedervotums hat mich nun leider völlig davon überzeugt, dass sich in der SPD so bald nichts ändern wird; dass in vielen Punkten leider immer noch Tucholsky’s treffende Analyse gilt: „Wat brauchst du Jrundsätze“, sacht er, „wenn du’n Apparat hast!“.

Das alles klingt jetzt vermutlich bitterer als es ist. Ich will darum auf einem versöhnlichen Ton enden: Ich habe in der Partei eine Menge großartiger Menschen kennengelernt. Menschen, die sich unglaublich engagieren, die Überzeugungen haben und versuchen, diesen Überzeugungen auch in der Partei eine Stimme zu geben. Ich habe für mich beschlossen, dass ich genau das derzeit nicht mehr kann. Aber ich will auch kein Karteimitglied sein, darum gehe ich jetzt. Frustriert, aber nicht im Zorn. Ich werde mich weiter politisch engagieren und ich würde mich freuen, wenn ich  dabei irgendwann einer SPD begegne, in der ich dann auch wieder eine politische Heimat sehen kann. Auf Wiedersehen SPD.

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